#3 Psychologische Gesundheitsversorgung als Klassenkampf von oben

Die aktuelle Situation ist eine Herausforderung für Menschen, die in stabilen Verhältnissen leben und physisch und psychisch gesund sind. Andere sind da schon näher an dem Punkt, an dem man vom Leidensdruck einer psychischen Erkrankung reden kann, und die Coronakrise ist die Belastung die das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn zum Beispiel das Arbeitseinkommen wegfällt, man als Selbständige keine Aufträge mehr bekommt, oder klassische Studierendennebenjobs ersatzlos ausfallen und nicht zum Bezug von Sozialleistung berechtigen. Und dann gibt es noch die vielen Menschen, die vor und unabhängig von der Coronakrise mit Krankheiten zu tun haben und nun oft zusätzlich belastet werden. In der aktuellen Krise wird vielen schmerzlich bewusst, wie schlecht es um die Gesundheitsversorgung vieler Menschen steht, die psychisch erkrankt sind. Was das mit Klassenkampf zu tun hat? Darum geht es in dieser Folge.

Dieses Thema kann Menschen denen es psychisch nicht gut geht, die psychisch krank sind oder in der Vergangenheit mit psychischen Krankheiten zu tun hatten sehr nahe gehen, und alle möglichen Gefühle und Zustände auslösen. Deshalb möchte ich darauf hinweisen, dass auch jetzt in der sozialen Isolation kostenlose und anonyme Angebote gibt, um darüber zu reden. Manchmal sieht man einen Ausweg erst, wenn man mit jemand anders über die Situation spricht.

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Wie es um die Teilhabe an der Gesellschaft, die Chancen und Möglichkeiten bestellt ist, wenn man eine psychische Krankheit hat, ist in Österreich, und vielen anderen Ländern, vor allem auch eine Klassenfrage. Das liegt nicht an der Coronakrise, sondern ist ein lange bestehendes Problem. Menschen aus den unteren sozialen Schichten sind von vielen und zwei großen Ungleichheiten betroffen, wenn es um psychische Erkrankungen geht.

Ungleiche Verteilung von psychischen Erkrankungen

Die erste große Ungleichheit betrifft die Verbreitung von psychischen Krankheiten. Eine an der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Meduni Wien durchgeführte Studie (PDF) untersuchte dazu Österreich-weit eine repräsentative Stichprobe von rund 1000 Personen.

22,7% hatten im Jahr vor der Studie irgendeine psychische Krankheit. Die Daten wurden nach fünf sogenannte Sozialschichten ausgewertet, hier der Anteil der Schichten der im Jahr vor der Erhebung irgendeine psychische Krankheit hatte:

13 % der Oberschicht hatten im letzten Jahr eine psychische Erkrankung. In den beiden Mittelschichten steigt der Wert auf zwischen 18 % und 19 %. Aber für die beiden Unterschichten verdoppelt sich der Wert nochmals auf 37% bis 38 %. Mehr als ein Drittel der Menschen, die zu der sozialen Unterschicht gerechnet werden hatten im letzten Jahr eine psychische Erkrankung.

Zwei weitere Ergebnisse dürften damit in Zusammenhang stehen. Es wurde auch untersucht ob Menschen finanzielle Sorgen haben. Während nur 19 % der Menschen ohne finanzielle Sorgen eine psychische Erkrankung hatten, waren es 40 % der Menschen mit finanziellen Sorgen. Ein weiterer auffälliger Faktor war die Versorgung eines langdauernd erkrankten Familienmitgliedes. 21 % der Menschen, die das nicht machen waren psychisch erkrankt, aber 30 % aller Menschen, die sich um langfristig erkrankte Familienmitglieder kümmern waren erkrankt.

Diese Ergebnisse sind, denke ich, intuitiv plausible. Wer schon einmal echte finanzielle Sorgen hatte weiß, wie sich das anfühlt und kann sich wohl, zumindest mit einem Funken Empathie, vorstellen, dass man das nicht auf Dauer aushält, zumindest noch ohne, dass es Spuren hinterlässt. Gleiches gilt für die Pflege von Kranken zu Hause. Das ist eine unglaublich anspruchsvolle und ausbrennende Tätigkeit.

Diese Zahlen machen auch in Relation zur sozialen Schicht Sinn. Wer hat eher finanzielle Sorgen, wie z.B. ob man die Miete zahlen kann. Die unteren Schichten. Und umgekehrt, wer kann sich eher Pflegekräfte leisten? Die oberen Schichten. Und wer muss die Arbeit selbst machen? Vor allem Frauen aus den unteren sozialen Schichten.

Es gibt eine Vielfalt von nicht-vergleichbaren psychischen Krankheiten die unterschiedlich untersucht und dokumentiert sind. Eine bekannte Krankheit ist die Depression, auch wenn sie ein vielfältiges Erscheinungsbild hat und das Verständnis in der Bevölkerung bei weitem nicht so verbreitet ist wie die Kenntnis über die Existenz der Krankheit. 2019 ist vom Sozialministerium eine Zusammenschau der wissenschaftlichen Arbeit zu Depressionen in Österreich erstellt worden, der Depressionsbericht. Er dokumentiert für ein spezifisches Krankheitsbild was wir schon für psychische Krankheiten im Allgemeinen besprochen haben. Es gibt klare Zusammenhänge zwischen dem Auftreten depressiver Erkrankungen und sozioökonomischen Faktoren: Menschen mit geringer formaler Bildung, geringerem Haushaltseinkommen, Arbeitslosigkeit, dauerhafter Arbeitsunfähigkeit aber auch Migrationshintergrund weisen häufiger eine Depressionsdiagnosen als andere Gruppen.

Ungleicher Zugang zu medizinischer Versorung

Das war die erste Ungleichheit. Psychische Erkrankungen sind unter den sozialen Schichten ungleich verteilt. Die zweite Ungleichheit ist, dass die unterschiedlichen sozialen Schichten auch unterschiedlich Zugang zur Diagnose und Behandlung von psychischen Erkrankungen haben.

Genau jene Schichten, in denen psychische Krankheiten am häufigsten vorkommen, haben am schwersten und am wenigsten Zugang zu medizinischer Versorgung. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Hürden, die der Behandlung im Weg stehen sind gerade für die am höchsten, die am meisten Behandlung brauchen würden.

Und das ist nicht zufällig so. Es gibt in Österreich öffentliche Systeme, wie das Gesundheitssystem oder das Schulsystem, die nicht nur nach Klassen organisiert sind, sondern auch darauf ausgerichtet sind, die Ungleichbehandlung und ökonomische wie gesellschaftliche Trennung der Klassen aufrecht zu erhalten. Vieles davon ist implizit. Die wenigsten Reaktionären werden offen zugeben, dass der einzige Grund für die Trennung in Gymnasium und Neue Mittelschule der ist, dass die Kinder der weißen Oberschicht künstliche Vorteile gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund oder Kindern aus Arbeiter*innenfamilien haben sollen, egal welche Fähigkeiten, Talente oder Motivation die Kinder haben.

Genauso gibt selten jemand zu, dass Österreich eine Mehrklassenmedizin hat. Obwohl alle es sehen können. Das ist ein wenig wie des Kaisers neue Kleider, die Ungerechtigkeit steht nackt und unverhüllt vor uns, aber niemand spricht es an.

Es gibt die Klasse der Zusatzversicherten, die sich Wahlärzt*innen und Privatkliniken leisten können. Die werden besser und schneller behandelt, egal wie formal verboten das ist. Wir wissen das. Auch innerhalb der staatlichen Krankenkassen gibt es verschiedene Klassen. Die Leistungen sind unterschiedlich je nachdem wie man versichert ist. Und dann ist da schließlich noch die Klasse der Menschen, die nicht versichert ist. An die denkt man selten, aber in Österreich ist man nicht automatisch krankenversichert, sondern man muss sich unter bestimmten Umständen pflichtversichern. Wer diese Umstände nicht erfüllt und sich auch nicht freiwillig versichern kann, hat keinen Anspruch auf irgendwelche Kassenleistungen. Das betrifft zum Beispiel viele wohnungslose Menschen, aber nicht nur, es können z.B. auch Studierende sein, die nicht mehr bei den Eltern mitversichert werden können. Für Ende 2015 hat die Sozialversicherung erhoben, dass rund 27.000 Personen nicht versichert waren.

Dass es ein Problem mit der Versorgung gibt, wissen vermutlich auch die Kassen selber. In einem Strategiepapier der österreichischen Sozialversicherung zu psychischer Gesundheit aus dem Jahr 2012 heißt es dazu, dass sicher mehr Menschen Psychotherapie brauchen als dies von der Krankenkasse finanziert wird. Diese Situation plant man zu verbessern, indem die Sachleistungsplatzzuteilung entsprechend der Situation gezielt gesteuert wird.

Was heißt das? Das heißt, dass die Versorgung mit Psychotherapie in Österreich schlecht ist. Damit die Sozialversicherung überhaupt zahlt, muss man eine ärztliche Diagnose haben, was ja Sinn macht. Aber die eigentlichen Probleme kommen danach. Es gibt wenige Therapeut*innen mit Kassenvertrag, so dass diese oft keine Plätze für Patient*Innen haben und oft auch nicht gerade ums Eck sind. Honorare für Psychotherapie liegen zwischen 70.- € und 150.- € für eine Sitzung. Wenn man keinen Platz bei einer Kassentherapeuting bekommt, kann man einen Kostenzuschuss beantragen. Nur beträgt der bei der Österreichischen Gesundheitskasse leider nur 28 Euro pro Stunde. Öffentliche Bedienstete bekommen immerhin 40 Euro pro Stunde Zuschuss. Zur Wiederholung, die Stunden kosten zwischen 70 und 15 Euro.

Aber ok, nehmen wir an es geschieht ein Wunder biblischen Ausmaßes und Österreich bekommt eine sozialdemokratische Regierung wie es sie schon seit den 70er Jahren nicht mehr hatte, und die nimmt Geld in die Hand, um die Sozialversicherung zu nötigen mehr Psychotherapieplätze zu finanzieren. Wäre dann alles gut?

Ich glaub die Antwort darauf funktioniert am besten mit einem Beispiel. Stell dir vor du hättest vor der tödlichen Seuche mit einer Person geschlafen die du vorher nicht kanntest und nachher nie wieder gesehen hast, bsoffene Gschicht halt. Aber nach ein paar Tagen ist da plötzlich so ein unangenehmes Jucken zwischen den Beinen, und ganz gesund sieht es auch nicht aus, eher gerötet und geschwollen. Nachdem alles Hoffen nichts hilft geht man zur Hausärztin und die stellt die Diagnose – Herpes. Aber statt einer Behandlung stellt sie nur die Bestätigung aus, mit der du jetzt jemand finden musst, der oder die einen Kassenvertrag und freie Plätze hat. In deiner näheren Umgebung gibt es mehrere Herpesbehandlungen die vertrauenswürdig ausschauen, aber entweder haben sie keine freien Plätze oder keinen Kassenvertrag. Nach langer Suche findest du am Arschende von Nirgendwo einen Doktor Creepyface der einen Kassenvertrag und einen freien Platz hat. Es gibt also formal genug Versorgung für den Bedarf. Aber wenn du dann endlich dort bist, fällt dir sofort auf, dass die Stimmung nicht passt. Statt dich zu behandeln will Dr. Creepyface erst einmal lange und breit wissen wie genau du dich im Detail angesteckt hast. Ihr kommt auf überhaupt keinen grünen Zweig und du fühlst dich immer unwohler. Und dann erklärt er dir noch, dass du einen Spezialform von Herpes hast die man nicht einfach antiviral behandeln kann, sondern für die du regelmäßig zu Behandlungen zu ihm kommen musst.

Das ist die Situation, wenn man einen Psychotherapieplatz will. Sicher, man kann Glück haben. Oder auch nicht. Aber selbst, wenn es theoretisch genug Plätze gäbe, sind im System Hürden und Widrigkeiten enthalten die bei keiner physischen Krankheit akzeptable wären. Was nicht heißen soll, dass es nicht da einen Mangel an Kassenverträgen in vielen Bereichen gibt. Kinderärztinnen und Orthopäd*innen mit Kassenvertrag sind zB scheinbar vom Ausstreben bedroht. Aber das trifft die psychische Gesundheit doppelt. Nämlich einerseits mit Therapieplätzen, aber andererseits auch mit den Fachärzt*innen die eigentlich hauptzuständig sein sollten. Nicht nur Orthopäd*innen mit Kassenvertrag sind eine Seltenheit, auch Psychiater*innen gibt es nicht gerade wie Sand am Meer.

Und dann haben wir eine Situation wie sie von der Studie der Meduni Wien erfasst wurde. Nur 18 % der Menschen mit psychischen Erkrankungen hatten im letzten Jahr Kontakt mit Psychiater*Innen. Also den Fachärzt*innen für die Krankheit die sie haben. Die meisten Menschen gehen zu Allgemeinmediziner*innen und deren Diagnose reicht sowohl um Psychopharmaka zu verschreiben, als auch für einen Kassenplatz für Psychotherapie. Und ich will wirklich die klassischen Hausärzt*innen nicht schlechtreden, aber wenn wir das mit physischen Krankheiten vergleichen – stell dir vor du hast einen Tumor – von wem würdest du dann Diagnose und Therapie wollen, von Allgemeinmediziner*innen oder von Onkolog*innen? Gehst du mit Zahnschmerzen zur Allgemeinmedizinerin oder zur Zahnärztin? Lässt du dir eine Brille von der Hausärztin oder der Augenärztin verschreiben? Stell dir vor wie absurd es wäre, wenn nur 18 % der Menschen mit Augenkrankheiten zu Augenärzt*innen gingen. Oder nur 18 % der Menschen mit Tumoren von Onkolog*innen untersucht würden bevor man mit der Chemotherapie beginnt oder den betroffenen Körperteil amputiert. Es ist schwer sich das überhaupt vorzustellen, so absurd ist das. Aber bei psychischen Krankheiten ist das die Regel, nicht die Ausnahme. Es herrscht nicht nur eine Unterversorgung an Therapeut*innen sondern auch an Psychiater*innen.

Und weißt du, für wen das überhaupt kein Problem ist? Für Leute, die genug Geld haben um zu Wahlärzt*innen und Wahl*therapeut*innen zu gehen. Für Leute, deren Zusatzversicherungen die Kosten übernehmen. Mit einem Wort – vor allen anderen für die Oberschicht, die ohnehin schon am gesündesten und am besten versorgt ist. Auch in der oberen Mittelschicht wird man gut über die Runden kommen. Aber dann wird es schwer. Sehr schwer.

Strukturelle Ungerechtigkeit erhält herrschende Ausbeutungsverhältnisse

Und das ist, würde ich argumentieren, gewollte strukturelle Ungerechtigkeit. Es ist Klassenkampf von oben. Gesundheit für die eigene Klasse, der Rest wird sich selbst überlassen. Jetzt kann man fragen, was das mit Klassenkampf zu tun hat, das Geld wird doch einfach nur von den Mächtigen ungerecht zu ihrem eigenen Vorteil verteilt. Worauf ich antworten würde Ja, genau!

Klassenkampf von oben heißt ja nicht, dass die Bosse und Geldeliten die Arbeiter*innenklasse vernichten wollen. Die wären ohne sie ja völlig aufgeschmissen und am Ende. Der Punkt ist, dass das umgekehrt eher weniger zutrifft. Die Arbeiter*innen sind zentral für die Gesellschaft, dennoch werden die Früchte unserer arbeitsteiligen Technologiegesellschaft ungerecht zu den Geldeliten umverteilt. Das ist Umverteilung von unten nach oben, das ist Klassenkampf von oben gegen unten.

Stell dir einfach vor, jetzt mitten in der Coronakrise würde dir Gott erscheinen und dich vor die Wahl stellen. Gott hat entschieden, eine bestimmte Art von Job auszulöschen, einfach alle Menschen so zu programmieren, dass diesen Job niemand mehr machen kann, für immer. Jetzt musst du wählen: Entweder würden alle Investmentbanker*innen verschwinden, oder alle Mitarbeiter*innen der Müllabfuhr. Auf welche Gruppe von Menschen könnte die Gesellschaft verzichten und reibungslos weiterlaufen, und beim Verschwinden welcher Gruppe würde die öffentliche Ordnung zusammenbrechen? Oder Gott zwingt dich zwischen Hedgefonds-Manager*innen und Krankenpfleger*innen zu entscheiden. Oder zwischen Unternehmensberater*innen und den Paketbot*innen und Postmitarbeiter*innen? Zwischen allen Aufsichtsratsvorsitzenden und Öffifahrer*innen. Zwischen allen CEOs und allen Verkäufer*innen im Einzelhandel?

Und dennoch sind die Menschen auf deren Tätigkeiten wir alle verzichten könnten die, die von der Gesellschaft am meisten profitieren, obwohl die anderen sie am Laufen halten und überhaupt erst möglich machen. Das ist Ausbeutung, dass Umverteilung von unten nach oben, dass ist Klassenkampf von oben.

Die Ausbeuter*innenklasse hat deutlich weniger psychische Erkrankungen, aber im Fall des Falles viel besseren Zugang zu medizinischer Versorgung. Und die will ich ihnen auch gar nicht wegnehmen, nur ihre großen Vermögen. Die medizinische Versorgung sollen sie weiter bekommen, und alle anderen auch.

Das ist aber nicht die Richtung, in die die gesellschaftliche Entwicklung geht. Bei psychischen Krankheiten zeigt sich eine fatale neoliberale Entwicklung besonders deutlich, die dem Gesundheitssystem und der Gesellschaft insgesamt schadet: Entsolidarisierung und Individualisierung von Verantwortung.

Wir zahlen alle auf verschiedene Arten und Weisen in die Gesellschaft ein. Niemand ist eine Insel. Dennoch wird immer öfter so getan, als könne man bestimmte Dinge quasi autonom lösen. Man braucht keine teure staatlich finanzierte Therapie, wenn man sich selbst optimieren kann. Ich denke hier trifft die tödliche Ideologie des Neoliberalismus mit Unverständnis und Tabuisierung von psychischen Erkrankungen zusammen.

Es gibt lange tradierte Vorurteile und Stigma, wie z.B. depressiven Menschen zu sagen, sie sollen sich zusammenreißen oder Yoga machen. Menschen mit Angststörungen zu sagen sie müssten nur ins kalte Wasser springen oder meditieren. Menschen mit Substanzabhängigkeit wird dann Willensschwäche unterstellt. Niemand würde jemand mit akutem Nierenversagen er müsse sich einfach zusammenreißen, oder jemand mit einem gebrochenen Bein, dass er einfach nur ins kalte Wasser springen müsse, oder jemand mit angeborener Sehschwäche, dass er einfach nur mehr Sehen wollen müsse. Der Neoliberalismus wirkt auch immer weiter in den Umgang mit physischen Krankheiten hinein, Überwachung von Versicherten damit sie gesund genug Leben ist in den USA immer wieder eine Überlegung, auch bei uns gibt es private Versicherungen die in diese Richtung gehen. Ob Raucher*innen mehr zahlen sollen wird diskutiert. Menschen mit Gewichtsproblemen wird oft Willensschwäche unterstellt, egal wie viele Grunderkrankungen dahinter stehen. Es ist nicht schwarz/weiß, aber bei psychischen Erkrankungen rennt der Neoliberalismus gewissermaßen offene Türen ein, weil hier individuelle Verantwortung und Schuld schon lange ein dominantes Erklärungsmuster sind.

Das heißt jetzt nicht, dass man nicht auf sich schauen soll und ohne Termin beim Psychiater nichts machen kann. Hier zum Beispiel zwei sinnvolle Ratschläge um mit der aktuellen Situation umzugehen.

Tipps für psychische Gesundheit in der Coronakrise

Politische Verbesserungsmöglichkeiten

Mein Punkt ist, dass wir alle Teil einer Gesellschaft sind, die nach Klassen strukturiert ist. Nicht nur, sie ist auch nach Geschlecht und anderen Faktoren strukturiert, aber Klassen sind ein sehr wichtiger Faktor. Aber während alle Klassen zur Gesellschaft beitragen, haben die, die am wenigsten beitragen, die Bonzen, Bosse und Geleliten, den größten Nutzen. Während die Klassen, die die größte Last tragen, am wenigsten profitieren.

Nicht nur, aber auch wenn es um psychische Erkrankungen geht. Die unteren sozialen Schichten sind von zwei großen Ungerechtigkeiten betroffen – sie sind viel öfter psychisch krank und haben gleichzeitig viel schwerer Zugang zu medizinischer Versorgung. Das sind ungerechte Ausbeutungsverhältnisse.

Das zu ändern wäre Aufgabe linker Politik. Hier kommt aber befürchte ich die Stigmatisierung und Ausgrenzung von psychisch kranken Menschen ins Spiel. Je schwerer die Krankheit, desto schwerer ist es, sie zu verbergen oder immer zu kontrollieren. Worum es gar nicht gehen sollte, aber in sehr vielen Karrieren geht es darum, gerade auch in der Politik. Abgesehen von Burnout, dass als angebliche Manager*innen-Krankheit sozial eher akzeptierter ist – wie viele Politiker*innen kennst du, die an Depressionen leiden? Die Angststörungen haben? Die Substanzabhänigkeiten haben? Die Stigmatisierung psychischer Krankheiten führt einerseits dazu, dass politische Parteien nicht übertrieben gerne darüber reden, und andererseits dazu, dass es in Parteien nicht wirklich viele Leute gibt die Karriere machen und Verständnis für psychische Krankheiten haben bzw. aus eigener Erfahrung darüber reden wollen. Selbstverständlich muss man nicht selber krank sein, um das Thema wichtig zu finden, aber ohne Menschen mit persönlichen Erfahrungen ist jedes Thema schwierig zu verstehen und einzuschätzen, insbesondere ein so komplexes wie psychische Erkrankungen mit ihren zahllosen Erscheinungsformen und Auswirkungen. Der Berufsverband der österreichischen PsychologInnen hat derzeit eine Petition für die bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen laufen:

Petition für eine bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Österreich

Diese Petition wird von den Nationalratsfraktionen von SPÖ und Grünen unterstützt. Im Regierungsabkommen von ÖVP und Grünen heißt es, dass es bis 2024 einen substanziellen stufenweisen bedarfsorientierten Ausbau der Sachleistungsversorgung im Bereich der psychischen Gesundheit geben soll, mit dem Ziel der Bedarfsdeckung. Jetzt wissen wir aber, dass Sachleistungsversorgung viel heißen kann. Wenn es darum geht Leid zu verringern und Menschen nachhaltig zu helfen, dann müssen wir als Gesellschaft Menschen mit psychischen Erkrankungen ermöglichen, unabhängig von ihrem Einkommen und ihrer Herkunft, ihrer Netzwerke und ihrer sozialen Schicht, Ärzt*innen und Therapeut*innen ihres Vertrauens zu finden. Man muss bedenken, die meisten psychischen Krankheiten lassen sich nicht einfach mit Anschauen diagnostizieren. Man kann keine Depression am Röntgen sehen, es gibt keinen Bluttest auf Angststörung. Und gleichzeitig braucht Therapie Vertrauen. Das soll die Rolle von Psychopharmaka nicht herunterspielen. Die sind sehr wichtig und helfen sehr vielen Menschen. Aber sehr viele Menschen bräuchten auch Therapie, und die gelingt am ehesten in einer vertrauensvollen Umgebung in der man sich ernstgenommen und autonom fühlt, und nicht wo man bitten und betteln muss, bevor einem die Krankenkasse eine von vornherein limitierte Anzahl an Sitzungen mit Doktor Creepyface am Arschende von Nirgendwo genehmigt.

Ich habe in dieser Folge zwei große Ungleichheiten besprochen, es gibt noch mehr, viele kleine und größere Ungerechtigkeiten. Der Umgang mit Menschen mit Substanzabhängigkeiten ist in der Politik von einem reaktionären, feindseligen Menschenbild geprägt. Das soziale Sicherheitsnetz ist für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen besonders lückenhaft. Krankenstände aus psychischen Gründen dauern oft sehr lange und die Chefs wie auch die Ärzt*innen der Krankenversicherungen sind oft weder hilfreich noch verständnisvoll, und schaden so jeder Chance auf Genesung. All das ist viel mehr, als in eine Podcastfolge passt.

Worum es mir zentral ging war zu zeigen, dass die derzeitige Struktur nicht zufällig ist, sondern ganz klar bestimmte Klassen bevorzugt und bestimmte Klassen benachteiligt, und zwar genau im umgekehrten Verhältnis zum eigentlichen Bedarf. Was nicht zufällig ist, ist absichtlich. Und zwar von oben. Die Schaffung und Aufrechterhaltung dieser Zustände dienen der Aufrechterhaltung der herrschenden Ausbeutungsverhältnisse. Das ist purer Klassenkampf von oben. Das kann und sollte man denke ich so deutlich aussprechen.

Denn Klassenkampf ist kein schmutziges Wort, aber wir müssen ihn vom Kopf wieder auf die Füße stellen, und ihn von unten gegen oben zu führen. Das 1 % hat nie aufgehört Klassenkampf zu führen, es ist höchste Zeit, endlich wieder dagegen zu halten.

Studie

Prävalenz und Versorgung psychischer Krankheitenin Österreich (PDF)

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